Waldheim – eine Stadt und ihr Knast

Das älteste noch aktive Gefängnis Deutschlands, die JVA Waldheim, liegt mitten im Ortskern des sächsischen Städtchens. Spötter sagen: es ist der Ortskern.

Seit 300 Jahren gehört das Gefängnis zu Waldheim und umgekehrt. Die Anlage mit eigener Kirche, Baumbestand und vielen Gebäuden war zunächst Burg, dann Augustinerkloster, später Jagdschloss und wurde im April 1716 unter August dem Starken als sächsisches Zucht-, Armen- und Waisenhaus eröffnet.

Waldheim hatte über die Jahrhunderte einige prominente „Gäste“. Viele Freiheitskämpfer der gescheiterten Märzrevolution von 1848/49 und als wohl bekanntesten: Karl May. Damals noch unbekannt, saß er vier Jahre lang hier ein, im Alter von 28-32 Jahren, wegen wiederholter Hochstapelei und kleinerer Diebstähle. Seine Hauptbeschäftigung im Gefängnis bestand im Zigarrenrollen, bei Ungehorsam drohte ihm Dunkelarrest. Nebenbei durfte er regelmäßig die Gefangenen auf der Kirchenorgel begleiten.

Das rund fünfeinhalb Hektar große Gelände war ein Brennpunkt deutscher Geschichte über 300 Jahre. Der Film beleuchtet in verschiedenen Episoden die unterschiedlichen Ereignisse und Auswirkungen auf Stadt und Gefängnis. So etwa eine weitere Waldheimer Besonderheit die Gründung der ersten deutschen „Irrenanstalt für männliche geisteskranke Verbrecher“ 1876, aus der später die „Heil- und Pflegeanstalt“ wurde.

Durch alle Zeiten und Regimewechsel hindurch blieb die Strafanstalt Waldheim ein gefürchteter Ort für das Wegsperren von Verbrechern und den Mächtigen unliebsamen Personen. Besonders schlimm war dies in der Nazizeit. Über 2000 Menschen waren hier inhaftiert, mehr als die Hälfte aus politischen Gründen. Waldheimer Familien öffnen für den Film dazu erstmals ihre Fotoalben und erzählen von ihren Vorfahren, die im Dritten Reich auf beiden Seiten standen: entweder als Gefangene oder Bewacher im Gefängnis.

Für einen weiteren Personenkreis im Gefängnis kam es damals noch schlimmer. Die auf dem Gefängnisgelände ansässige „Heil- und Pflegeanstalt Waldheim“ war Zulieferin für die Tötungsanstalten im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“, der Vernichtung von angeblich lebensunwerten Lebens durch die Nazis. Ein Fakt, der heute in der Stadt noch weitgehend unbeachtet und nicht aufgearbeitet ist. Der Film beleuchtet diese Praktiken auch anhand von damaligen Patientenakten und verfolgt das Schicksal des Anstaltsleiters Gerhard Wischer, der für seine Taten später hingerichtet wurde.

Seine traurigste Berühmtheit erfuhren Ort und Gefängnis 1950, als die sowjetischen Speziallager in der DDR endgültig aufgelöst werden. Knapp 3.500 vermeintliche Kriegs- und Naziverbrecher wurden nach Waldheim gebracht und hier in skandalösen Schnellverfahren unter Missachtung vieler juristischer Grundregeln zu hohen Strafen verurteilt. Zeitzeugen berichten über die damalige Behandlung und Verurteilung. Der Ausgang der „Waldheimer Prozesse“ wurde von der DDR-Führung bereits vorher geplant und festgelegt. Während die übergroße Mehrheit der Verurteilten unschuldig war, gab es jedoch auch einige echte Nazi-Täter.

Zu späteren DDR war Waldheim auch immer wieder Verwahrort für politisch Andersdenkende und Oppositionelle, so nach dem Volksaufstand von 1953 oder dem Bau der Mau 1961. Zwei Zeitzeugen erzählen von ihrer Haftzeit in den 60er Jahren.

Nichtzuletzt war Waldheim während der DDR-Zeit auch ein wichtiges Arbeitskräftereservoir für viele damalige Betriebe, die für den heimischen Markt arbeiteten aber auch Westware produzierten, wie etwa für IKEA. Dazu und auch zu spektakulären Fluchtversuchen nach der Wiedervereinigung erzählen die 30- und die 45minütige FIlmdokumentationen für den MDR.

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