SOS – Werften im überlebenskampf

Seit Jahrzehnten kämpfen Deutschlands Werften ums Überleben. Die Strategie im Kampf gegen Fernost: Spezialisierung statt Massenproduktion. Bei den MV-Werften in Mecklenburg-Vorpommern sollten es gigantische Kreuzfahrtschiffe richten. Doch die Pandemie ließ den Markt einbrechen und die als „Wunder von Warnemünde“ gepriesene Werftenrettung ins Stocken geraten. Seither versuchen Politiker in Schwerin und Berlin, die Werften mit millionenschweren Krediten über die Runden zu bringen. Gelingt die Rettung in letzter Sekunde? Immerhin geht es um das „industrielle Herz“ der Region und tausende traditionsreiche Arbeitsplätze. Oder bleiben die Werften ein Patient am Tropf der Steuerzahler? Vielleicht auch, weil der Politik der Mut zum Umdenken und zum beherzten Strukturwandel fehlt?

Monatelang wurde verhandelt, gezittert und gebangt. Anfang Juni 2021 kam das erlösende Signal. Die MV-Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund erhalten rund 300 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfond der Bundesregierung. Damit kann das im Bau befindliche gigantische Kreuzfahrtschiff, die „Global Dream“, fertiggestellt und rund 2000 Arbeitsplätze gesichert werden. 650 Beschäftigte der MV-Werften werden ab Mitte des Jahres in eine ebenfalls staatlich finanzierte Transfergesellschaft entlassen. Die Geldspritze aus Steuermitteln bedeutet jedoch nur eine Schonfrist für die Werften. Werden keine neuen Aufträge eingeworben, droht 2022 das endgültige Aus. Welche Rolle das Superwahljahr für den positiven Regierungsbescheid gespielt hat, ist offen. Der Dreiklang aus Werften-Krise-Staatshilfe hat jedoch eine lange Tradition …

In Deutschlands Norden kam es Werftarbeitern, Bäckern und Bürgermeistern 2015 wie ein Wunder vor. Ein asiatischer Tourismus- und Glücksspielkonzern kündigte an, hier die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt zu bauen. Ebenso sollten Luxusliner für Expeditionen in die Arktis und Antarktis entstehen. Vor dem Einstieg der Genting-Group aus Hongkong hatte den Werften in Bremerhaven, Rostock, Wismar das Aus gedroht. Die Covid-19 Pandemie ließ den Genting-Konzern jedoch ins Schlingern geraten. Werksschließungen und Kurzarbeit führten zu erheblichen Verzögerungen beim Bau der „Global Dream“ und der Luxus-Expeditions-Jacht „Endeavor“. Nur mit staatlichen Hilfen von 250 Millionen Euro konnte Ende 2020 eine Insolvenz der MV-Werften verhindert werden.

Die Pandemie ist ein wichtiger Grund für die aktuellen Probleme. Sie legt aber auch systemische Schwächen der maritimen Wirtschaft und der Politik offen. Nach dem Mauerfall investierte der Staat Milliarden Euro in die Modernisierung der Werften zwischen Peene und Weser. Investoren wurden mit staatlichen Bürgschaften und Krediten ebenfalls in Milliardenhöhe unterstützt. Die massive Unterstützung konnte aber mehr als ein halbes Dutzend Werftenpleiten nicht verhindern. Hunderte Millionen Euro an Steuergeldern wurden allein durch kriminelle Subventionsverschiebungen und fällige Bürgschaften verbrannt.

Gebetsmühlenartig verweisen Politiker vor allem in Mecklenburg-Vorpommern darauf, dass die Werften das industrielle Herz des Landes verkörpern. Ein Plan B, um die maritime Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen, sie auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz auszurichten, wurde nie ernsthaft erwogen. Die „Global-Dream“ und die „Endeavor“ werden mit herkömmlichen Dieselmotoren die Weltmeere kreuzen. Erst angesichts der massiven Krise wird über die Gefahr der Konkurrenz aus China und die Chancen einer grünen Kreuzschifffahrt diskutiert. Aber nicht nur an der Ostsee geht den Werften die Arbeit aus. Auch in Hamburg, Kiel, Rendsburg und Papenburg sind traditionsreiche Standorte von massiven Arbeitsplatzverlusten bedroht.

„Die Story im Ersten“ dokumentiert den Stolz junger Schiffbauer in Rostock und das existenzielle Trauma der Region nach den wiederholten Abstürzen der Werftbetriebe. Die Dokumentation leuchtet am Beispiel der MV-Werften systemische Probleme des deutschen Schiffbaus aus. Ist eine Alternative zur Dauersubvention möglich? Die Doku stellt einen maritimen Industriepark im dänischen Odense vor. Schon 2009 wurde die einstige Großwerft Maersk-Möller in ein High-Tech-Projekt rund um maritime Dienstleistungen verwandelt. Gegen die Konkurrenz aus Fernost hatte man keine andere Perspektive mehr gesehen. Mittlerweile arbeiten in den oft kleinteilig organisierten Firmen rund 3000 Beschäftigte. Fast doppelt so viele wie im alten Werftbetrieb.